Polizeiforschung

Unser Projekt (CODISP) steht in der Tradition der empirischen Polizeiforschung. Diese empirische Polizeiforschung ist theoretisch inspiriert und methodisch kontrolliert. Sie schließt an verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen an: hier insbesondere die Soziologie und die Ethnologie; in unserem Fall wird die polizeiliche Praxis mit Mittel der Ethnographie bzw. der teilnehmenden Beobachtung erschlossen.

Als Material ihrer Analysen dienen der empirischen Polizeiforschung qualitative oder quantitative Befragungen, Diskurs- und Inhaltsanalysen (z.B. von Fokusgruppen oder von Ermittlungsakten), Statistikauswertungen sowie teilnehmende Beobachtungen. Gegenstand können einzelne Polizeibeschäftigte, Untergruppen oder ausgewählte Organisationseinheiten innerhalb der Polizei oder die Polizei als Organisation insgesamt sein. CODISP erhebt einen vielfältigen Daten-Mix. Ausschlaggebend sind die Daten, die im Zuge der Polizeiarbeit anfallen: Gespräche, Protokolle von Gremiensitzungen, Dokumente, Videos, etc. sowie die Feldnotizen unserer Feldforscher_Innen. Wir konzentrieren uns auf die Organisationseinheiten, denen innerhalb der Organisation Polizei das Feld der ›Kriminalprävention‹ übertragen worden sind.  Die Polizeiethnographie hat stetig an Bedeutung innerhalb der empirischen Polizeiforschung gewonnen.

Trotz einer Zunahme seit Ende der 1980er Jahre ist die empirische Polizeiforschung in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch ein Randgebiet. Während die 1950er und 60er Jahre von Forschungen zu ›Täterprofilen‹ und ›Kriminalitätsformen‹ geprägt waren, beschäftigte sich in den 1970er und 80er Jahren die deutsche empirische Polizeiforschung vor allem mit dem Phänomen der ›Kriminalisierung‹ und der sog. ›Etikettierung‹ bzw. dem ›Labelling‹. Ziel war es, die Machtwirkungen polizeilicher Arbeit transparenter und demokratischer zu machen und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft zu erhöhen. Ein Großteil der empirischen Polizeiforschung geschieht heute für die Polizei. Es kann ein Mangel an Grundlagenforschung über die Polizei konstatiert werden. Außerdem liegt der Fokus meist auf der Kriminalitätsbekämpfung, wobei hier institutionelle Setzungen aus polizeilicher Perspektive im Begriffsapparat der Untersuchungen oftmals ‚unkritisch‘ übernommen werden.

Mit den 1990er Jahren begann eine Entwicklung, in der sowohl polizeiintern und -extern sowie in gemeinsamen Projekten das Verhältnis zwischen Polizei und Öffentlichkeit einerseits sowie Fragen der Verbrechensbekämpfung andererseits erforscht werden. Aus diesen Projekten ging eine Vielzahl von Einzelstudien hervor, die sich etwa mit dem Alltagshandeln oder der Organisationsentwicklung, aber auch mit Fremdenfeindlichkeit, Konfliktbewältigung oder Gewalt befassen. Das Forschungsprojekt CODISP fragt auf der Grundlage von ethnographischer Feldforschung insbesondere nach der Generierung, Akkumulierung, Verteilung und Nutzbarmachung von Wissen in der polizeilichen Präventionsarbeit sowie nach den praktischen Anforderungen der Prävention im Unterschied wie im Zusammenspiel mit der polizeilichen Repressionsarbeit.